Raum für kreatives Schaffen, MaMo 4.4.13


Photo: John K. Dutton

RÜCKBLICK: 25 Jahre UnterwegsTheater / Mitbegründer Bernhard Fauser zieht Bilanz eines Vierteljahrhunderts Theater und Tanz

Raum für kreatives Schaffen
Von unserem Redaktionsmitglied Mirjam Moll

Als Bernhard Fauser und Jai Gonzales anfingen, war Deutschland noch geteilt. Das war 1988, vor 25 Jahren. Damals gab es noch die D-Mark und kaum Mobiltelefone. Die Kulturlandschaft war von städtischen Theatern dominiert, freischaffende Künstler gab es kaum. „Unsere Plakate haben wir damals noch mit der Schere gemacht“, erinnert sich Fauser, der Organisator des UnterwegsTheaters. Der heute 48-Jährige hatte als akrobatischer Zirkusclown gearbeitet. Mit Gonzales, einer peruanischen Balletttänzerin, und Schauspieler Wal Mayans entstand die Idee, aus der Verbindung von Schauspiel, Akrobatik und Tanz eine neue (Körper-)Sprache zu schaffen. Zusammen schufen die drei Künstler das Ensemble UnterwegsTheater. Bis heute kümmert sich Fauser um die Planung und Finanzierung der Unterwegs-Projekte, steht aber immer noch selbst auf der Bühne. Seine Frau ist der kreative Kopf hinter den Choreographien, denen sie sich seit zehn Jahren ausschließlich widmet. „Wir waren die Ersten, die für einen Raum für freischaffende Künstler gekämpft haben“, sagt Fauser heute. Ihr Standort war immer Heidelberg, doch mit ihrem Ensemble brachten sie es bis nach New York, Lima und Tokio. Bereits im ersten Jahr nach ihrer Gründung gewannen sie Preise in internationalen Wettbewerben. Ihr Konzept war aufgegangen. Und auch in Heidelberg fasste das Ensemble Fuß. 1990 rief das Künstlertrio das Tanzfestival „Tanz International“ ins Leben. Beginn einer langen Odyssee Im gleichen Jahr mieteten sie eine verlassene Autowerkstatt am Hauptbahnhof, wollten sich einen Produktionsraum für sich selbst, aber auch für andere Künstler schaffen. Doch das marode Gebäude musste erst saniert werden. Drei Jahre arbeitete das Ensemble daran, ohne Subventionen. Dann endlich konnte die Pro-B-Bühne eröffnet werden. Mayans verließ kurz darauf die Truppe, begru?ndete seine eigene Tanzgruppe in Paraguay. Die neue Spielstätte war ebenfalls von kurzer Dauer: Das Dach drohte einzustürzen, 1997 musste die Theatergruppe das Gebäude verlassen. Es sollte der Beginn einer langen Odyssee sein. Zunächst blieb das Ensemble heimatlos. Auch Tänzer zu engagieren, wurde zunehmend schwieriger. Der geschrumpfte Personalstamm an den städtischen Theatern stand kaum mehr zur Verfügung. Das Paar beschloss, den Sprung ins Exil zu wagen, verbrachte 1999 drei Monate in New York, wo es zwei Stücke für das Avantgarde-Theater choreographierte und produzierte. Nach ihrer Rückkehr engagierten Fauser und seine Frau nur noch freischaffende Künstler. Ihr Fokus richtete sich auf vergessene Orte in der Stadt wie das alte Hallenbad oder der Kornmarkt, die sie zusätzlich zu ihrem Ensembleprogramm in Szene setzen. Doch heimatlos blieb das UnterwegsTheater, immer wieder musste es umziehen. Zwei Jahre gastierte es im Jugendtheater, musste wieder weichen, zog schließlich in die Klingenteichhalle. Dort blieb das Ensemble fünf Jahre. Aber eine dauerhafte Spielstätte blieb auch diese Bühne nicht. Es folgten zwei Jahre im Alten Hallenbad, bevor die Künstler nach 13 Jahren wieder festen Boden unter den Füßen hatten. 2010 nahm die Unstetigkeit ein Ende. Die Hebelhalle wurde zur neuen Bühne. „Hoffentlich bleibt es unsere letzte Spielstätte“, sagt Fauser. Eine halbe Million Euro musste investiert werden, um die alte Lagerhalle in ein Theater zu verwandeln. Endlich wird auch ein langgehegter Traum wahr: In der Nachbarhalle entsteht ein choreographisches Zentrum, wo freischaffende Künstler arbeiten können. „Damit schließt sich der Kreis unseres langjährigen Kampfes“, resümiert Fauser ein Vierteljahrhundert: „Veränderungen brauchen eben Zeit.“
© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 04.04.2013