Presse zu Stocos

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Tanz:
In der Heidelberger HebelHalle verbindet „Stocos“ Tanz, Klang und Video
Gestalten des Zufalls

Von unserer Mitarbeiterin Nora Abdel-Rahman

Wir sitzen nicht im Kino und es läuft kein Horror-Schocker auf der Leinwand. Dann nämlich wäre vieles vorhersehbar. Wir sitzen in einem Industriegebäude, der HebelHalle des Unterwegstheaters in Heidelberg. Das Stück heißt „Stocos“ und ist der letzte Teil einer Trilogie. Musiker Pablo Palacio und Tänzerin Muriel Romero stecken hinter der Idee und dem Konzept. Im Rahmen des Sommerfestivals „Tanz international 2012“ bildet es den Auftakt mit Künstlern aus Madrid. Töne dröhnen aus den Lautsprechern und auf einer weißen Leinwand, die als Bühnenboden in den Raum ausläuft, vermehren sich schwarze Linien im ansteigenden Klang und verwandeln weiße Flächen in wenigen Sekunden in ein dichtes Gitterwerk. Wir sitzen mitten im Getöse, das nicht nachgibt, und starren auf das immer wieder neu entstehende Linienwerk. Im Dunkeln stehen zwei Frauen, sie beginnen einen Tanz, der uns ahnen lässt, wie sich das Ganze am Ende entfaltet.

Interaktion ist das Stichwort. Tanz, Klang und Video sind nicht, wie in den meisten Produktionen, voneinander abgekoppelte Medien, die das Kunstwerk illustrieren. Hier sind sie tatsächlich so verbunden, dass sie einander erst erzeugen. Schon die beiden Stücke zuvor – „Acusmatrix“ und „Catexis“ – spielten mit Klang und Tanz als Zufallsprinzipien. Dabei folgt Pablo Palacio der sogenannten stochastischen Musik des Komponisten Iannis Xenakis. Seine klanglichen Experimente basierten auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen und computergestützte Zufallsprozesse.

Für „Stocos“ hat das spanische Duo noch einen weiteren Künstler an Bord geholt und das Experiment zwischen Tanz und Klang durch die grafische Dimension erweitert. Daniel Bisig ist für die interaktive Schwarm-Simulation verantwortlich. Wenn sich etwa Lichtpunkte wie ein Bienenschwarm der Tänzerin nähern, sie umzingeln, sind ihre Bewegungen für den weiteren Verlauf der grafischen Simulation verantwortlich. Und auch das Summen auf der akustischen Ebene verändert sich nach ihren tänzerischen Gesten im Raum. Immer noch sind Ohren und Augen gebannt. Aus den Linien sind tanzende Pyramidenschwärme oder brodelnde Flüssigkeiten geworden, die sich im Mehrkanalton als feine Strukturen verflüchtigen. Und die Tanzenden werfen riesige Schatten, verändern mit ihren Bewegungen Form, Sinn und Sound.
© Mannheimer Morgen, Montag, 30.04.2012