Jose Luis Sultan im Gespräch

„Staub und Hauch“ im Alten Hallenbad, Heidelberg

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José Louis Sultán im Gespräch über die Uraufführung seiner Produktion Staub und Hauch

José Louis, am 5. Juni präsentieren Sie im Alten Hallenbad in Heidelberg Ihr neuestes Werk Staub und Hauch. Sie sind ein international gefeierter Tänzer und Choreograph. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Stück im Rahmen der Reihe „Tanz international“ des UnterwegsTheaters, uraufzuführen?

Heidelberg ist für mich ein sehr emotionaler Ort. 1996 lernte ich die Choreographin Jai Gonzales kennen, die zusammen mit Bernhard Fauser das UnterwegsTheater in Heidelberg leitete. Ich selbst inszenierte damals für das Tanzensemble des Nationaltheaters in Mannheim Schwanengesang. Mich haben die Ideen und Produktionen der beiden Künstler seither immer wieder fasziniert und ich möchte Ihnen nach zwanzig Jahren UnterwegsTheater in Heidelberg mit dieser Uraufführung einen persönlichen Dank aussprechen.

Sie haben mit so renommierten Tänzerinnen wie Marcia Haydée und Choreographen wie Jean Christoph Blavier oder Chiara Tabesini gearbeitet. In Ihrer neuen Produktion sind Sie, ähnlich wie in dem Solo Kaddish von 1996, Tänzer und Choreograph in einem. Was bedeutet tanzen für Sie?

Tanz hat für mich keine nur schönen Seiten, nichts Dekoratives, Ästhetisches. Tanzen kommt mitten aus dem Leben, meinem und Ihrem schmerzvollen Leben. Tanz ist animalisch, brutal, ganz nah an den elementaren Dingen – aber nie ohne Zärtlichkeit. Auch Tiere haben ihre Seele, ihre Zärtlichkeit. Ich kämpfe jeden Tag mit meiner Geschichte: Ich habe argentinische, spanische, türkische und syrische Wurzeln. Meine Geschichten, meine Mentalitäten, meine Traditionen, selbst die mir vertrauten Gerüche und Geschmäcker sind in einer schmerzvollen Spannung. Der ganze Alltag der Menschen um mich herum ist voller Schmerz und Spannung. Ich bin der Schwamm, der alles in sich aufsaugt und es irgendwann wieder herauspresst. Manches in meinem neuen Stück schmeckt wie ein lieblicher Likör, anderes wiederum wie Essig. In „Staub und Hauch“ oszilliere ich zwischen den verschiedenen Schattierungen meiner Persönlichkeit. Ich trete in mich hinein und wieder heraus. Aber alles ist offen. Die Dinge entwickeln sich, werden nicht „erklärt“.

Haben Sie dennoch eine Botschaft für Ihr Publikum?

Wenn es mit gelingt, dass eine Zuschauerin oder ein Zuschauer den gleichen Schmerz empfindet wie ich, dann wünsche ich mir, sie oder er möge die Augen schließen und den eigenen Körper spüren, ihm zuhören. In dem Moment, wo dies gelingt, vertauschen sich die Rollen und Perspektiven. Wer ist dann der Tänzer, wer der Zuschauer? In diesem Moment gehe ich eine geheime Beziehung mit der Person ein, die sich mir in ihrem Schmerz offenbart.

Herr Sultan, vielen Dank für dieses Gespräch.
Parvin Niroomand

José Louis Sultán: Staub und Hauch
UA am 5. Juni 2008, 20.30 Uhr im Alten Hallenbad;
weitere Vorstellungen am 6. und 7. Juni jeweils 20.30 Uhr